Occupy Times Square

So. Am Samstag hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit nach bisher nur geistiger Solidarität die Occupy Wall Street-Bewegung auch tat- und stimmkräftig in person zu unterstützen. Am Times Square also demonstrierten wir atmosphärisch durchaus passend zwischen leuchtenden Reklametafeln und dem US Army Recruitment Center für mehr Gerechtigkeit im Finanz- und Wirtschaftsystem sowie eine friedlichere Außenpolitik. Wo auch sonst?

Eine anfangs eher kleinere Gruppe von Demonstranten, die von den Touristenmassen zunächst klar in den Schatten gestellt wird schwillt immer stärker an – über Twitter bekommen wir mit, dass sich der Marsch vom Washington Square Park langsam dem Times Square nähert. Zwischen fünf und sechs Uhr abends stößt der Marsch dann zu uns und von unserem Standpunkt aus wird es unübersichtlich wie viele Menschen am Times Square sind. All zu viele Touristen können es nicht mehr sein, es sei denn diese haben inzwischen auch begonnen unsere „Banks got bailed out“-Rufe mit „We got sold out“ Schlachtrufen zu beantworten. Die Atmosphäre ist gut, gespannt, friedlich. Trommeln, Parolen skandieren, mit Passanten ins Gespräch kommen, über kreative Schilder schmunzeln – es ist eine gute Demo und eine, die gehört wird. Ob ihr aber zugehört wird steht auf einem anderen Blatt.

Denn viele Kommentatoren bemängeln das Fehlen einer klaren Botschaft der Protestbewegung, andere stellen sie als vorübergehendes Phänomen dar, das sich nicht lange halten wird, weder in Amerika noch in den anderen Städten, in denen am Samstag weltweit protestiert wurde.

Was falsch ist bzw. an der Sache vorbei geht.

Der Occupy-Bewegung fehlt keine klare Botschaft. Was bitte ist an der Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit im Wirtschafts- und Finanzsystem unklar? Die Symptome des himmelschreiend ungerechten Systems sind ja deutlich erkennbar, die Statistiken doch weithin bekannt, die Schlagzeilen gehen täglich über die Bildschirme. Klar, über die genaue Ausgestaltung der Antworten darauf mag man trefflich streiten können, aber wären wir bereits an diesem Punkt, wäre schon viel gewonnen. Stattdessen müssen wir erst einmal die Politik darauf aufmerksam machen, das Problem als solches überhaupt anzugehen.

Die Proteste geben dieser Ungerechtigkeit eine Stimme, machen ihre Auswirkungen sichtbar und sind eben diese Aufforderung an die Politik dieses Thema endlich aufzugreifen. Auch wenn das jetzt keine brandneue Erkenntnis ist: It’s as simple as that. Der Politikwissenschaftler Sydney Tarrow beschreibt das treffend so:

Occupy Wall Street is what we might call a „we are here“ movement. Asking its activists what they want, as some pundits have demanded, is beside the point. Participants are neither disillusioned Obama supporters, nor or a „mob,“ as House Majority Leader Eric Cantor cynically described them. By their presence, they are saying only, „Recognize us!“

Der eigentliche Skandal ist doch, das es überhaupt erst eine Protestbewegung geben muss, die eine solche Forderung in die Politik trägt. Sollte das Streben nach sozialer Gerechtigkeit nicht eigentlich Bestandteil jeder politischen Arbeit sein? Aus dieser Perspektive ist es logisch, dass die Occupy-Bewegung in den USA so großen Anklang findet und moralische Unterstützung von vielen Seiten bekommt. Denn hier ist die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit aus dem Vokabular der beiden politischen Parteien praktisch verschwunden. Demokraten wie Republikaner konzentrierten sich in der Vergangenheit darauf, den Kuchen immer weiter zu vergrößern, anstatt sich der gerechten Verteilung der verschiedenen Kuchenstücke zu widmen Bei gleichzeitiger extremer Polarisierung der beiden beiden Parteien und fehlender Kompromissbereitschaft öffnete sich hier für eine Protestbewegung ein wahrhaftiges Scheunentor of opportunity. Das zeitgleiche Auftreten ähnlicher Bewegungen in Europa ist aber Ausdruck dafür, dass sich auch die Politik auf dem alten Kontinent, mit seinen dem Namen nach sozialen Parteien, vom Kern dieser Frage gefährlich weit entfernt hat.

Was aber ist soziale Gerechtigkeit überhaupt? Darüber zerbrechen sich schlauere Menschen als ich bereits seit längerer Zeit den Kopf und ich werde das in einem kurzen Blogeintrag sicher nicht umfassend klären können. Doug Noll, vom Peace and Collaboratve Development Network, bietet hierfür ein paar gute Gedanken als ersten  Ausgangspunkt (ersetzt allerdings nicht den Philosophy 101 Kurs):

Distributive justice concerns how scarce resources are shared in a family, community, or society. Distributive justice has three components: equity, equality, and need.

Imagine we are in a clan 100,000 years ago. I go out one day and slay a woolly mammoth all by myself. I drag the carcass back to our encampment one hunk at a time. Around the fire that night, I get the first choice of wooly mammoth haunch. No one complains because I was the guy that brought home the bacon, so to speak.

This illustrates the first leg of the three-legged stool called distributive justice. It is about equity. Equity says that I should receive in proportion to what I contribute. If I contribute a lot, I should get a lot. If I do not contribute much, I should not get as much as the guy who contributed more.

Once I have my mammoth steak, all of the adults take their shares of the sizzling meat. We are all equal members of the clan and are entitled to equal shares of the meat. This illustrates the second leg of the distributive justice stool: Equality. Because we are equal members of the clan, we share equally. Being an equal member entitles me to an equal share of the group resources regardless of my contribution.

There is still some woolly mammoth meat cooking on the fire. Several of the adults cut off pieces and feed the children, the few who are sick, and the elders. This is the third leg of the stool: Need. In every group, there are members who cannot provide for themselves, but nevertheless have a claim on group resources. The young, the sick, and the elderly have a claim on the meat because of their need. Without the meat, they would starve. Because of their age or health, they cannot fend for themselves.

The Occupy Wall St. movement can be understood in the context of distributive justice as a massive feeling that the distributive justice equation between equity, equality, and need is out of balance. The protesters feel that the corporate finance world has taken more than its fair share of resources, has set itself above the majority of society by garnering special tax breaks, bail outs, and de-regulation, and has failed to acknowledge and respond to the distributive justice demands of equality and need.

Für eine Demokratie ist die Vernachlässigung der sozialen Gerechtigkeitsfrage jedoch gefährlich, insbesondere wenn sie mit der beschrieben Lähmung der politischen Klasse einhergeht. Der (sonst eigentlich eher konservative) Politikwissenschaftler Steve Walt:

[…] the present combination of economic inequality and political gridlock is fatal to the proper functioning of democratic orders.  In a capitalist democracy, corporate interests tend to be wealthier than the rest of society, and the state is the only actor powerful enough to intervene to prevent corporate interests from going too far and exploiting their position. This is what happened in the Gilded Age and again in the Roaring 20s, which eventually led to the Progressive Era and later the New Deal.

But if the political system is gridlocked, then the state cannot act quickly or decisively to retard corporate power. Even worse, as corporate interests grow stronger they tend to acquire greater political power (and especially when a tame Supreme Court helps them, as it did in the Citizens United decision).  Instead of just hamstringing the state, corporate interests can get it to enact laws that favor them even more. The result will be rising economic inequality and precisely the sort of irresponsible and unregulated behavior that led to the Great Recession of 2007.

Neben dieser simplen Kernbotschaft – die Forderung nach mehr Gerechtigkeit im nationalen wie globalen Wirtschafts- und Finanzsystem – ist aber auch die spontane, kreative Organisationsform der Bewegung ein Grund dafür, warum sie nicht so einfach von der Bildfläche verschwinden wird. Denn die Demonstranten kritisieren auch mangelnde politische Beteiligungsmöglichkeiten – und bieten in der Selbstverwaltung des Protests auf dem Liberty-Plaza schöne Beispiele wie alternative Formen von Bürgerbeteiligung und Selbstverwaltung aussehen können:

Zwar sind solche Beteiligungen nicht auf jeder politischen Ebene praktikabel, die Forderung nach einem Mehr an demokratischer Mitsprache ist jedoch ein legitimes Kernelement der Bewegung. Sowohl die Politik, die in der Kritik steht als auch die Kritiker müssen sich Gedanken machen, wie man kreativ mehr Mitsprache an politischen Entscheidungen ermöglichen kann. Dabei sollten wir nicht bei der endlosen Debatte um mehr oder weniger Volksentscheide stehen bleiben sondern tatsächlich neue Wege beschreiten: das Internet bietet alle technischen Möglichkeiten hierfür. Snippet vom Democracy Journal (aus einem unbedingt lesenswerten Artikel):

By being explicitly experimental with new forms of digital institution-building, we have an opportunity to increase the legitimacy of governmental decisions. The tools–increasingly cheap, sometimes free–will not replace the professionals. Technology will not, by itself, make complex regulatory problems any more tractable, or eliminate partisan disputes about values. What this next generation of civic software can do, however, is introduce better information by enabling the expert public to contribute targeted information. In doing so, it can make possible practices of governance that are, at once, more expert and more democratic

Was also bleibt von der Occupy-Bewegung? So sehr ich die Selbstorganisation der Demonstranten bewundere, glaube ich nicht, dass sie noch viele Monate vor der Wall Street bleiben werden – denn es wird einfach verdammt kalt im Winter hier. Die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit zusammen mit dem Ruf nach stärkerer politischer Beteiligung wird aber sicherlich in den Köpfen haften bleiben. Viele Kommentatoren haben nach anfänglichem Zögern das Thema inzwischen aufgegriffen, auch in den Mainstream-Medien (wenn auch nicht immer positiv und die politischen Parteien (vor allem die mit dem „sozial“ im Namen) werden sich fragen müssen, was sie falsch gemacht haben, damit die Leute auf die Straße und nicht mehr zur Wahlurne gehen. „Verständnis“ für die Demonstrationen zeigen reicht längst nicht mehr.

Und ein Gedanke noch zum Schluss: die Protestbewegung muss aufpassen, dass sie die Frage nach sozialer Gerechtigkeit nicht gegen die der ökologischen Nachhaltigkeit ausspielt, insbesondere nicht in den USA, wo diese Verbindung nicht so viel Tradition hat wie in der Bundesrepublik. Das wäre der falsche Weg vorwärts, denn beide Fragen können nicht getrennt voneinander betrachtet werden.

Es bleibt noch viel zu tun.

PS: Hier sind noch ein paar Links zu dem Thema, die ich für lesenswerte halte (sind z.T oben im Artikel auch schon verlinkt)

8 thoughts on “Occupy Times Square

  1. Hey Strizi. Danke fürs Teilen Deiner Erlebnisse… echt spannend. Und merci auch für die weiteren Links zum Thema. Was ich besonders Spannend finde, ist, dass die Diskussion in den USA anscheinend ja auch auf wissenschaftlicher Ebene geführt wird… davon sind wir hier noch weit entfernt… hier streitet man sich lieber über Herrn Ischinger, hehe🙂
    liebe Grüeß aus der regnerischen Provinz

    • Ja, die Diskussion hat hier an allen Ecken und Enden Fahrt aufgenommen. Vom Professor bis hin zum Bier abends in der Kneipe, und auch in der UNO ists ein Thema.🙂 Sehr gespannt wie das hier weitergeht! (und bin auch gespannt wie es mit der Diskussion um die Zivilklausel weitergeht – euer Leserbrief war klasse, würde mir auch gerne die Vorlesungsreihe dazu anhören…)

  2. Hey,
    es freut mich zu lesen, dass es dich auf die Straße getrieben und du an der Demo teilgenommen hast, unser ewiges Streitthema😉
    Ist schon spannend, welche Gefühle das „Mitlaufen“ bei einer großen Bewegung in einem bewirken kann, oder wie erging es dir?
    Interessant finde ich, dass du am Anfang total solidarisiert schreibst und dich als Teil der Bewegung siehst. Später, nach der Kritik und Frage, wie es weiter geht, distanzierst du dich von den DemonstrantInnen.
    Das soll keine Kritik sein, das ist mehr die Juli auf der Suche nach einer politisch-psychologischen Diplomarbeit🙂
    Liebste Grüße,
    Juli

    • Hehe, gut beobachtet, ist mir selber auch aufgefallen und hatte kurz überlegt es zu ändern – das hätte dann aber stilistisch irgendwie blöde geklungen (und außerdem nicht immer gepasst, schließlich kampiere ich tatsächlich nicht seit einem Monat auf der Wall Street).🙂 aber freue mich natürlich, wenn ich dir bei der Suche nach einem Thema für die Diplomarbeit helfen kann!😉 Drücke dir die Daumen bei der Suche nach nem Thema!

  3. Hallo Felix,
    ich find es natürlich Klasse, dass du mitdemonstriert hast. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, da musst du mitmachen, Wir müssen doch der Macht des Kapitals was dagegen setzen! Wenn auch die Bewegung am Anfang etwas niedergemacht wurde von der Presse, so findet sie inzwischen immer mehr Beachtung (FR),
    Liebe Grüße aus Dallau
    Lisel

    • Das interessante an der Abhandlung der Occupy-Bewegung (zumindest in Deutschland), ist finde ich folgendes:
      – Politiker aller Parteien solidarisieren sich.
      – Gauck und andere (Halb-)Intellektuelle verdammen die Demonstranten.
      – Von den Angegriffenen (Bank) hört man nichts. Ich zumindest nicht. Interessiert die das überhaupt?

  4. @G guter link. Ich glaube die Politik kann schon was veraendern, sie braucht nur die richtige Anreize, den notwendigen Willen dazu aufzubringen. Im Moment wuerde ich sagen, die Politiker gehen den Weg des geringsten Widerstandes: Verstaendnis mit der Bewegung bekunden, aber substantiell nichts an der bisherigen Politik aendern. Erst wenn sie merken, dass das nicht hinhaut (i.d.R. merken Politiker das, sobald sie deswegen abgewaehlt werden), besteht fuer sie auch ein Anreiz, dem Gerede Taten folgen zu lassen. Deshalb sind die Proteste & die daraus (hoffentlich) enstehende langfristige gesellschaftliche Diskussion auch so wichtig, denn nur wenn sich das ueber mehrere Legislaturperioden aufrecht erhaelt und in Wahlergebnissen niederschlaegt, aendert sich auch die Politik. Leider draengt die Zeit und ich sehe keine Partei das Thema kreativ aufgreifen und unterstuetzen…

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