Internationale Politik & Filme

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „International Studies Perspective“ haben die Autoren Archie W. Simpson und Bernd Kaussler einen Artikel über den Einsatz von Filmen und Simulationen in der Lehre der Internationalen Beziehungen veröffentlicht.[1]

In diesem Artikel präsentieren die Autoren eine Tabelle, in der sie verschiedene Filme Theorien und Konzepten aus den IB zuordnen bzw. beschreiben, mit welchen Filmen welche Theorie/Konzept am besten durch einen Film illustriert werden kann. Für mich, als alter Film-Fan und IB-Student, ist das natürlich eine Steilvorlage. Daher hab ich hier mal diese Tabelle reingepackt und will die Filmauswahl etwas unter die Lupe nehmen.

Schauen wir uns zunächst aber die Tabelle von Simpson & Kaussler an:

Films

Theory ⁄ Concept

300 ⁄ Lord of the Flies ⁄ Battle Royale

Realism

Remains of the Day

Idealism

Wag the Dog ⁄ The Island ⁄ Matrix trilogy

Constructivism

Goodbye Lenin

Marxism ⁄ Socialism

The Siege ⁄ Borat ⁄ Lost in Translation

Clash of civilizations

Pulp Fiction

Postmodernism

1984 ⁄ Enemy of the State ⁄ The Lives of Others

Surveillance society

Full Metal Jacket ⁄ Saving Private Ryan

Dehumanising effects of war

Cry Freedom

Apartheid ⁄ South Africa

The Matrix trilogy ⁄ Sliding Doors

Rational choice theory

Spy Game

Cold War to post–Cold War ⁄ intelligence

Wargames ⁄ The Hunt for Red October

Game theory ⁄ utility of military

Team America ⁄ Three Kings

U.S. hegemony

Frost ⁄ Nixon

U.S. politics; Watergate scandal; executive crimes

Blood Diamond

Conflict diamonds ⁄ failed states ⁄ Africa

Schindler’s List ⁄ Life is Beautiful ⁄ The Great Dictator

Fascism ⁄ genocide

Braveheart ⁄ The Wind That Shakes the Barley

Nationalism

Ghandi ⁄ The Battle of Algiers ⁄ Lawrence of Arabia

Decolonisation

Dr. Zhivago ⁄ The Last Emperor

Revolution ⁄ communism

The Day After Tomorrow ⁄ An Inconvenient Truth ⁄ Who Killed the Electric Car?

Environmentalism

Auf den ersten Blick ganz ordentlich, auch wenn einige der Konzepte mehr der klassischen Politikwissenschaft entspringen als den Internationalen Beziehungen (surveillance society?). Doch der Schein täuscht, denn in der Tabelle sind m.E. so einige Schnitzer drin (Ich muss gestehen, ich hab nicht alle Filme gesehen, von daher kann ich nicht alles kommentieren):

  • 300 & Realismus? Nicht ernsthaft, oder? Nicht jeder Film, in dem sinnlos geschnetzelt wird, sollte als Illustration für diese Theorie herhalten müssen. 300 ist jetzt nicht der schlechteste Film dieser Erde, aber der Mangel an Tiefgang ist dennoch ziemlich offensichtlich und wird auch der theoretischen Prämisse des Realismus „Internationale Anarchie führt zu konfrontativem Verhalten von Staaten“  nicht wirklich gerecht. „Lord of the Flies“ ist da schon passender, auch wenn ich den Film nicht kenne, sondern nur das Buch mal irgendwann in der Schule gelesen habe.
  • Auch „The Island“ & Konstruktivismus ist bisschen arg an den Haaren herbeigezogen. Klar, die Grundprämissen der „Konstruktion“ einer Welt ist vorhanden, aber die geht ja auch ziemlich schnell in Bumm&Krach unter und außer Scarlett Johansson hat der Film ja wahrlich nicht viel mehr zu bieten. Da gibt’s um Längen bessere Filme, wie der aufgeführte „Wag the Dog„, aber mir würden auch noch „Truman Show“ und „Vergiss mein nicht“ dazu einfallen. Wenn man schon Filme im IB-Unterricht einsetzt, dann doch bitte Filme mit Klasse.
  • Auch „Goodbye Lenin“ als Illustration für Marxismus/Leninismus ist etwas ausgefallen. Gibt’s da nichts besseres? Klar, das ist ein guter Film, aber irgendwie scheint er mir ungeeignet die Komplexität des Themas abzubilden.
  • Und dann der Abschuss: Borat & Clash of Civilizations? Ich hab ja gar nix gegen Humor im Seminarraum, überhaupt nix (manchmal etwas mehr könnte nicht schaden!). Aber das hier geht ja mal gar nicht. Man muss der These ja nicht zustimmen um da Mitleid mit Huntington zu haben. Wie wär’s statt dessen mit Babel?
  • Die nächsten Kategorien gehen dann wieder alle in Ordnung – bis vielleicht auf „Staatsfeind Nr. 1“ als Illustration für surveillance society. Ähnliches Problem wie bei The Island: klar, die Grundprämisse ist da, aber wird nicht wirklich kritisch hinterfragt, bzw. geht in dem Actionfeuerwerk unter. Auch hier: guter Film, aber ungeeignet um die Komplexität und die Tiefe des Themas abzubilden. Zum Thema Apartheid könnte man noch den neuen „Invictus“ mitreinnehmen (leider noch nicht gesehen, steht aber der To-Watch Liste) oder aber, wenn man es etwas ausgefallener mag, „District 9“ – der aber in eine ähnliche Gefahr läuft, wie „The Island“ oder „Staatsfeind Nr. 1“, dabei aber m.E. noch besser wegkommt, als die zwei.
  • Und jetzt mal ganz ernsthaft: Wer will den ein Film über Rational Choice Theory sehen? Da ist so ziemlich jeder Film fehl am Platz, außer vielleicht „Wall Street„, der die Gier der Banker darstellt. Ist ja bisschen so, als wolle man nen Film zur Illustration der Newton’schen Mechanikgesetze (warn die von Newton? Auch egal…) finden.
  • Team America zu U.S. hegemony ist ja ganz witzig, aber da müsste doch auch bessere Filme geben. Zu U.S. Politics würde ich den großartigen „Thirteen Days“ hernehmen, der auch gut als Illustration zu Cold War Politics dienen mag.
  • Ach und der Sinn der Kategorie Game Theory/Utility of Military erschließt sich mir nicht ganz. Zu Game Theory/Rational Choice Theory s.o. (auch wenn Wargames vielleicht da tatsächlich was zu sagen hat), aber was bitte ist unter „utility of military“ zu verstehen? Ich persönlich würde ja „futility of military“ vorziehen, wo wir wieder bei den Antikriegsfilmen angelangt sind, die ja in der Tabelle ganz gut vertreten sind.
  • Ja und „Braveheart“ und Nationalism? Ich weiß nicht so recht… Auch hier ließen sich bestimmt bessere Filme finden.
  • Zu Revolution/Communism würde ich evtl. noch den neuen Che-Film packen, auch wenn ich den noch nicht gesehen habe und gehört habe, dass er nicht sooooo der Knaller sei.

Insgesamt ist die Liste also durchwachsen und auch wenn die Autoren einräumen, dass ihre Tabelle nur eine Auswahl aus möglichen Filmen darstellt, so riecht sie doch ein bisschen nach Schnellschuss und wirkt nicht sauber überlegt. Wie gesagt, ich stehe auf die Idee, Filme im Seminarraum einzusetzen und ich glaube auch, dass es da einige gute Möglichkeiten gibt, um Theorien und Konzepte besser zu illustrieren und verständlich zu machen. Aber wer das macht, sollte sich auch etwas mehr Gedanken über die entsprechenden Filme machen.

Hier gibt’s z.B. eine Liste, bei der sich offenbar jemand mehr Gedanken über die Filme & Konzepte gemacht hat. Ebenfalls nicht fehlen bei einem Beitrag über Theorien der IB & Filme darf natürlich der großartige Artikel über „The Godfather“ und IR Theories.

[1] Simpson, Archie W. / Kaussler, Bernd. 2009. „IR Teaching Reloaded: Using Films and Simulations in the Teaching of International Relations“ International Studies Perspectives (2009) 10, 413–427.

8 thoughts on “Internationale Politik & Filme

  1. der großteil deiner kritik ist ja nachvollziehbar (ich meine…300…echt jetzt) aber braveheart für nationalism finde ich gar keine soooo schlechte wahl
    hat jetzt zwar nicht unglaublich viel tiefgang, aber für das thema finde ich den nicht ungeeignet

  2. Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Ich meine, der Film ist ja echt nicht schlecht und thematisch passt er ja irgendwie auch. Ich glaub, ich muss den mir mal wieder anschauen…🙂

  3. ja hmm, also ich glaub ehrlich gesagt geht es da weniger darum, ob diese Filme jetzt DIE Filme sind, die das jeweilige Thema als Ganzes zum filmisch-künstlerischen Ausdruck bringen, sondern eher als Diskussionsgrundlage zu sehen. Ich mein, hallo, is ja teilweise schon sehr zugespitzt (z.B. die schon angesprochenen Filme zu Clash of Civilizations). Da isses ja auch viel interessanter, die Unterschiede der Perspektive in anschließenden Diskussionen heraus zu arbeiten (z.B. Kernthema in Lost in Translation vs Kernthesen Huntington). Jeder Film ist ja außerdem in einer bestimmten Zeit gedreht und man sieht häufig, wie sich solche Themen dann halt auch filmisch widerspiegeln. Dementsprechend hat Matrix auch nicht nur rein konstruktivstische Züge sondern vielleicht auch vielmehr postmoderne Einfüsse (dazu hab ich mal nen richtig interessanten Vortrag gehört). Da fällt mir grad ein, was für Filme sind denn richtig schön poststrukturalistisch? Vielleicht auch Truman Show?

  4. Da ich stimm ich zu, ich bin sogar ziemlich sicher, dass die Filme nur als Diskussionsgrundlage / Ausgangspunkt funktionieren sollen. Trotzdem kann man etwas mehr Qualität erwarten. Je qualitativ hochwertiger der Film ist (= je besser er zentrale Konzepte/Theorien widerspiegelt), desto besser die Ausgangsposition für die Diskussion.

    Will sagen, der Mehrwert von 300 als Ausgangsposition der Diskussion ist sehr begrenzt, einfach weil der Film nicht viel hergibt. Ähnliche Probleme sehe ich bei anderen Filmen.

    Wenn ich schon einen Film als Aufhänger für ne Diskussion hernehme, soll er mir auch etwas für die Diskussion bieten. Das hängt natürlich immer davon ab, was man von der Diskussion erwartet.🙂 Vielleicht bin ich da etwas zu kritisch, und für n Einstiegsseminar ist vielleicht ein halbherziger Punkt, versteckt in viel Explosionen, Kawumm und Blut mehr als genug. Aber eigentlich glaube ich nicht, dass das Niveau von Erstsemesterveranstaltungen künstlich niedrig gehalten werden sollte.

    Allerdings, das gebe ich zu, habe ich vielleicht bei ein paar Filmen zu allergisch reagiert und mich zu sehr auf den „Repräsentationswert“ des Films für die Theorie/Konzept konzentriert, als auf dessen tatsächlichen Wert als Diskussionsgrundlage.

    Und sowieso: Jede Liste über internationale Politik und Filme, in der „Dr. Strangelove“ fehlt, ist ne schlechte Liste. Punkt.😉

    Siehe auch die Liste, die ich oben schonmal verlinkt habe:
    http://rpayne.blogspot.com/2006/12/global-politics-through-film-fall-2006.html

    Das wirkt bei weitem mehr durchdacht (evtl. auch weil in der obigen Liste die Filmauswahl kommentiert ist und in der Tabelle nicht).

    Äh, und poststrukturalistische Filme? Bin ich überfragt, ist halt so gar nicht mein Spezialgebiet…

  5. Ich bin frischgebackener Bachelor-Erstsemester und von daher nicht wirklich vertraut mit all den gängigen Theorien in Sachen „Internationale Beziehungen“ (an meiner Uni, der Uni Konstanz, kann man sich im ersten Semester nur in Seminaren mit diesen Bereichen der Politikwissenschaft beschäftigen, die eigentliche Vorlesung kommt erst später). Will sagen: Ich rede hier auf der Basis von (gesundem?) Halbwissen.

    Aber: Wie sieht es denn mit „Syriana“ aus, vielleicht etwas in Richtung Governance interpretiert. (Oder ist das ein klar von den internationalen Beziehungen abgegrenztes Forschungsfeld? – Sorry, Erstsemester…) Immerhin geht es um die Interaktion von staatlichen Organisationen und Organisationen der privaten Wirtschaft (am Beispiel der CIA bzw. den Interessen amerikanischer Ölkonzerne).
    Ob und wo man die Reaktion der Araber im Film verorten kann, die schließlich den Weg zum radikalen Islam finden und letztlich Terroristen werden, kann ich hier aus dem Stand auch nicht sagen.

    (Ein Kommentar voller Spekulationen und Vermutungen, gespeist von Halbwissen. Sorry…)

  6. Du hast recht, Syriana ist recht gut. Ob er als Governance-Illustration/Diskussionsgrundlage funktioniert weiß ich nicht, da Governance als Konzept an sich zu abstrakt ist. Als Diskussionsgrundlage für ne Sitzung über Middle East oder Terrorismus würde der Film allerdings prima funktionieren.

  7. Pingback: Lehre & Film « The Mile High Blog

  8. Behandel das Thema Theorien gerade im Unterricht und habe einen passenden Film zum Neorealismus gesucht. Ich habe tatsächlich 300 gewählt, aus folgendem Grund: Waltz sagt, dass aus der Struktur (Anarchie) ein Sicherheitsstreben folgt, welches entweder durch eigene Aufrüstung oder Bündnusbildung (Gleichgewicht der Macht/Kräfte) ausgeglichen wird.

    300 beschreibt das recht gut: Anarchie herrscht unzweifelhaft, zu Beginn gibt es eine starke Unipolarität (Übermacht der Perser), die Griechen bzw. Spartaner sind aber auf Freiheit/Unabhängigekit (also mittelbar Sicherheit) aus, zum Schluss schließen sich alle Griechen gegen die Perser zusammen (Gleichgewicht/Aufrüstung).

    Ich habe dazu 3 Szenen gewählt: die Abweisung des persischen Gesandten und seines Unterwerfungsangebots zu Beginn, den Dialog zwischen Xerxes und Leonidas in der Mitte des Films wo dieser erklärt, warum die Griechen nicht aufgeben/weiterkämpfen und das Ende, als Dilios dem spartanischen Rat noch einmal die Motivation Leonidas darlegt und ein Jahr später die nun vereinten Griechen in die Schlacht führt…

    Die These, dass „Internationale Anarchie zu konfrontativem Verhalten von Staaten“ führt stimmt insofern nur beim klassischen Realismus à la Morgenthau (Begründung: menschliches Machtstreben) und bei der Weiterentwicklung des Neorealismus à la Mearsheimer (Anarchie -> Sicherheitsstreben -> man ist nur sicher, wenn man stärker als der andere ist -> Hegemoniestreben)…

    Grüße und nochmals vielen Dank für die auflistung hier !!!

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