Classes in retrospect III: Normative Foundations of Global Political Economy

Ok, einer fehlt noch. Dann mal los.

Fazit

Insgesamt der beste Kurs dieses Quarter (Seminarplan). Wir hatten einen hochmotivierten Dozenten (George DeMartino), dem es sichtlich Spaß gemacht hat, den Kurs zu halten, absolut interessante Lektüre, die mit viel Sachverstand ausgewählt war und jedes Mal zum Nachdenken anregte und eine großartige Gruppe an Seminarteilnehmern, die sichtlich motiviert auch die noch so verrücktesten philosophischen Themen durchzusprechen. Das Seminar bringt bei mir so ein Memento-Gefühl mit sich: Direkt nachdem es vorbei war, hatte ich das Gefühl, das Seminar gleich nochmal belegen zu müssen, weil einfach soviel Fragen nur angesprochen werden konnten. Wahrscheinlich ist das aber mit Philosophie-Kursen immer so, wenn sie gut gemacht sind…

Philosphie-Kurs? Ja, der Kurs war tatsächlich mehr ein Philosophie-Kurs, als ein Wirtschaftskurs. Versteht mich nicht falsch, wir haben schon die ganzen Ökonomie-Grundlagen durchgenommen. George gab uns a hell of a ride durch Economics 101, besonders für mich, der von Ökonomietheorie nicht viel (positiv ausgedrückt) Ahnung hat, war das ziemlich erhellend. Auch komparative Vorteile und Grundlagen der Handelstheorie usw. haben wir gemacht. Allerdings sind wir nicht in die Tiefen der Aushandelsbilanzsteuerkostenprotektionismus-Debatte (you know what I mean) eingestiegen, worüber ich auch ganz froh war.

Wir haben dann diese Grundlagen der Ökonomietheorie hergenommen und nach allen Regeln der Kunst auseinander klabüstert, jedes Teilchen auf seine normativen Prämissen oder Konsequenzen geprüft und siehe da: They’re everywhere! Man merkte, dass es dem Dozenten sichtlich Spaß gemacht hat, die angebliche wertneutrale positivistische neoklassische Ökonomietheorie (die lt. manchen Wirtschaftswissenschaftlern fast schon eine Naturwissenschaft sein soll) zu zerpflücken und die teilweise gravierenden normativen Konsequenzen der einzelnen Prämissen aufzuzeigen. Von daher hat’s natürlich auch jede Menge Spaß gemacht ihm zu folgen.

Dabei haben wir uns nicht nur auf Theorie beschränkt sondern auch die normativen Auswirkungen der neoklassischen Theorie auf tatsächliche Politikfelder untersucht: Kosten-Nutzen Analyse, Klimawandel, Entwicklung, Eingriff des Staates in die Wirtschaft usw. Es versteht sich von selbst, dass dabei die gute alte liberale Wirtschaftstheorie nicht unbedingt gut wegkam. Unterwegs sind wir dabei so Theoretikern wie Milton Friedman, Amartya Sen und Robert Nozick begegnet – und haben auch die abgeklopft und geschaut was man aus denen für Erkenntnisse über Wirtschaft ziehen kann.

Da das alles sehr abstrakt und theoretisch ist und ich hier in wenigen Worten auch so prima erklären kann, warum das alles manchmal doch ganz praxisrelevant sein kann, hier ein Video von Michael Sandels „Justice“-Vorlesung auf die ich schonmal in einem früheren Post hingewiesen hab. Ungefähr sowas haben wir auch gemacht (inkl. der Frage ob Steuern nicht gleichzusetzen sind mit Zwangsarbeit).

Nozick ist übrigens ziemlich kompliziert zu lesen, aber manchmal auch ziemlich lustig. Ich zitiere aus unserem Seminarplan zur Nozick-Session:

What possibly could “pleasure machines” and beating cows with baseball bats for the fun of it have to do with political or moral theory, and what do they teach us about the salience of the inviolability of rights?

Es kommen tatsächlich solche Dinge wie „pleasure machines“ (ja, ziemlich genau das was man sich darunter vorstellt), Kühe + Baseballschläger und solche Dinge wie utility-monster vor. Nice. Trotzdem gibt’s genug zu kritisieren.

Insgesamt war ich sehr (angenehm) überraschend wie „kritisch“ ein Wirtschaftskurs in den ach so wirtschaftsliberalen USA sein konnte. Dabei wurde einem allerdings weder blind die eine noch die andere Ideologie reingeklopft, sondern sehr sorgfältig philosophisch & ethisch argumentiert. Großes Kino.

Ich könnte hier jetzt noch ewig weitermachen, aber brech das an dieser Stelle mal ab. Wenn das jetzt ein Film wäre, würde ich sagen: unbedingt anschauen! Aber da das nicht geht, bleibt nur zu der Hinweis auf zwei Bücher, die ein bisschen das umfassen, was ich so gemacht hab. Und die, nebenbei, für jeden der nicht auf das Thema steht, wohl sterbenslangweilig zu lesen sind. Aber gut.

  • George DeMartino: Global Economy, Global Justice. Theoretical Objections and Policy Alternatives to Neoliberalism. Routledge, 2001.

Snippet Klappentext:

Global Economy, Global Justice explores the vital question: “What makes for a good economic outcome?” It rejects the normative commitment of neoclassical economic theory to welfarism, and its resulting claim that the global, marketbased economy emerging at present represents the highest possible stage of economic development. In place of global neoliberalism the book calls for policies that promote global equality. The author demonstrates that neoclassical economics embraces a range of objectionable assumptions about human nature, society, and science, the exposure of which destroys the ethical foundations of global neoliberalism.

Global Economy, Global Justice explores ethically viable alternatives to welfarism. Drawing on the work of Amartya Sen, it proposes the egalitarian principle of the “global harmonization of capabilities” to guide economics. This principle provides a basis for resisting oppression while respecting cultural diversity. It is put to work to adjudicate contemporary debates about global policy regimes, and the book ends with a set of deeply egalitarian global policies for the year 2025.

  • Amartya Sen: Inequality Reexamined (Harvard University Press, 1992).

Warnung vorneweg, Zitat aus unserem Syllabus:

Don’t be put off by Sen’s prose—he clearly spends more time thinking important thoughts than he does worrying about how to express them in writing.

Da hat er sowas von recht. Dennoch großartiges Buch, das viele brillante Ideen enthält. Zitat Jeffrey Sachs:

Amartya Sen, [the 1998] Nobel Prizewinner in Economics, has helped give voice to the world’s poor. And that is no small matter, for the very lives of the world’s poor may depend on having their voices heard. In a lifetime of careful scholarship, Sen has repeatedly returned to a basic theme: even impoverished societies can improve the well-being of their least advantaged members. Societies that attend to the poorest of the poor can save their lives, promote their longevity and increase their opportunities through education and productive work. Societies that neglect the poor, on the other hand, may inadvertently allow millions to die of famine–even in the middle of an economic boom, as occurred during the great famine in Bengal, India, in 1943, the subject of Sen’s most famous case study…Sen [delivers a] powerful message: annual income growth is not enough to achieve development. Societies must pay attention to social goals as well, always leaning toward their most vulnerable citizens, and overcoming deep-rooted biases to invest in the health and well-being of girls as well as boys. In a world in which 1.5 billion people subsist on less than $1 a day, this Nobel Prize can be not just a celebration of a wonderful scholar but also a clarion call to attend to the urgent needs and hopes of the world’s poor.

One thought on “Classes in retrospect III: Normative Foundations of Global Political Economy

  1. Hey, das ist echt interessant! ich weiß allerdings nicht ob ich mich für die bücheraufraffen könnte. cool wär die vorlesung als download im ipod vormat😉
    grüße
    moritz

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