Soapbox – Odenwald Democracy

Ich habe schonmal in nem Kurzbeitrag auf die Scheibe hingewiesen, aber ich hab sie heut nochmal beim Einkaufen gehen gehört und mir gedacht, hey, die ist so gut, da kannste ruhig nen ganzen Eintrag draus machen.

Ja, wow, was soll ich sagen? Meiner bescheidenen Meinung nach die verdammt beste Rockplatte 2009. Und das nicht nur weil die vier Jungs Odenwälder sind und damit quasi nen Heimvorteil bei dem bescheidenen Blogautor haben (wollte schon immer mal in der dritten Person von mir reden. Hiermit abgehakt.). Wer mich kennt, weiß, dass ich da nicht so viel drauf gebe. Nein, es ist ganz allein die Musik, die überzeugt – und das auf ganzer Linie. So sehr, dass ich mir die Platte übern Teich hab schicken lassen.

Zum Einstieg empfiehlt es sich, auf die Begeisterung in der Presse hinzuweisen, die die Seifenkistler mit ihren früheren Werken (hier die „Lost Gravity“ EP) eingeheimst haben. So schreibt die Visions z.B.:

Eine Riesenüberraschung erreicht uns in Form der EP „Lost Gravity“ aus dem Hause Soapbox. Diese extrem kompakte Band aus dem Odenwald scheint alles verinnerlicht zu haben, was in diesem Magazin je als fetter, charmanter und handwerklich progressiver Alternative Rock galt.

Tja, die Visions hat nicht unrecht. Nur, dass sie mit der neuen Platte noch einmal Lichtjahre besser geworden sind.

Insgesamt tummeln sich auf „Odenwald Democracy“ 10 Songs, teilweise schon bekannt von der besagten „Lost Gravity“, teilweise ältere Stücke, die sich schon auf früheren Platten (allerdings in schlechterer Qualität und etwas anderen Arrangements) befanden und teilweise Stücke, die zumindest ich noch überhaupt nicht kannte. Hier die Playlist:

1. Raindrops On Baghdington
2. Bloody War On Sunday
3. Come Close
4. Sky Taxi
5. My Time
6. The Hill Where I Lay
7. Mesoscope – No Fish!
8. Produit en cote d’ivoire
9. White Window
10. As It Hurts

Ich geh mal die Songs im einzelnen durch.

1. Raindrops On Baghdington

Zitat Visions: „Raindrops On Baghdington“ fusioniert Tool mit Harmful“. Full Ack. Der wohl knackigste Rocksong auf der Platte, verspielt hypnotische Strophen wechseln sich mit rockigem Refrain ab, eingerahmt von einer Melodie, die man nicht so schnell aus dem Ohrwurm-Gedächtnis rausbekommt und abgerundet mit einem krachigen Outro in dem die Jungs aufblitzen lassen, welche Gitarrengewitter einem später im Album noch begegnen werden. Nur ein kleines Manko bleibt: auf besagter Lost Gravity EP war eine leicht anders gemixte Version des Songs vorhanden, die meiner Meinung noch ein bisschen dreckiger und in-your-face war und eine bessere Bridge aufwies. Aber das ist Kleinkram. Hier das Video:

2. Bloody War On Sunday

Verschwirbeltes (ok, das Wort gibt’s nicht…) Gitarrenriff rockt erst mal drauf los, steigert sich in – ja was eigentlich? Schwere Gitarren in etwas Refrainartigem. Man glaubt schon den Song durchschaut zu haben, bis er urplötzlich in einen Ozean von gezupften Prog-Gitarren und kleinen Melodien ausufert. Kurz bevor man denkt, die vier hätten vergessen beim Jammen den Record-Off-Button zu drücken, zieht plötzlich die Intensität wieder an, steigert sich, um dann kurz zu einem Flüstern zu verstummen bevor mächtige Gitarrenwände zuschlagen (sowas wurde von mir gut bekannten Musikern einmal der „Klippenfaktor“ genannt…😉 ) und den Song in ein episches Finale führen. Hell yeah! Auch hierzu gibt’s ein Video:

3. Come Close

Beginnt mit einem Helmet-Tool-artigen Gitarrenriff, steigert sich kurz danach aber zu dem vllt. melodischsten Song der Platte. Durchweg vor tonnenschweren Gitarren entwickelt sich hier eine überraschend klare Melodie, die in einem interessanten Gegensatz zu dem restlichen Song steht.  Classic. Kein Video hierzu, aber bei MySpace kann man reinhören. Bester Song der Platte? Vielleicht. Warum ich dann nur so wenig schreibe? Weil, ja weil, writing about music is like dancing… you know. Zumindest bei diesem Song.

4. Sky Taxi

Man wähnt sich plötzlich im alten Orient. Seltsam exotische Gitarrenmelodien, unterlegt mit Drums, die erstmal nicht wirklich in das Schema der ersten drei Songs passen mögen. Dann aber zieht das Ganze merklich an, bis plötzlich eine einsame Trompete erklingt. Doch bevor sich das aufkommende Gefühl eines Morricone-Soundtracks festbeißen kann, brechen die Gitarren mal wieder einen derbe schweren Soundteppich los, der den Song schließlich zu seinem großartigen Finale führt. 10/10.

5. My Time

Mit „My Time“ ziehen Soapbox konsequent das durch, was in den vorherigen Songs bereits anklang, aber nicht wirklich zu seiner vollen Entfaltung kam:  das Erzählen einer Geschichte mit Hilfe eines Songs. Dabei beziehe ich mich nicht unbedingt auf den Text (den ich nicht wirklich raushören kann). Vielmehr nimmt einen der Song mit auf eine akustische Reise, die sich von laut nach leise, von intensiv zu verspielt von ausufernd zu hypnotisch bewegt, immer mit dem epischen Schlussteil im Blickfeld. Ganz großes Kino. Apropos Kino:

6. The Hill Where I Lay

Die Visions hat es hier in ihrem Lost Gravity Review mal besser zum Ausdruck gebracht, als ich es je könnte und bezeichnet „The Hill Where I Lay“ als

verdammt beste[n] Blackmail-Song, den Blackmail nie geschrieben haben

Ist aber noch so viel mehr als nur ein „Blackmail“-Song, denn Blackmail hatten nie die Eier zu einem so verdammt großartig langem Outro. Song gibts in seiner „Lost Gravity“-Version auf der MySpace-Seite. Die Odenwald Democracy Version ist aber um einiges besser.

7. Mesoscope – No Fish!

Hier bin ich zwiegespalten. Der Song rockt so derbe los, wie nur geht. Behält das Tempo schön bei, wechselt in der Intensität aber bleibt knackig. Dann wechselt er gegen Mitte und wird etwas schwerfälliger. Irgenwie weiß ich nicht was davon halten soll – an manchen Tagen find ich’s großartig, an anderen denk ich „den hätte man einfach nach der Mitte ausfaden sollen…“. Formulieren wir es so: Wenn das der schlechteste Song auf der Platte ist, will ich nur noch Platten mit so Songs!

8. Produit en cote d’ivoire

Mehr oder weniger ein „Lückenfüller“, aber das Wort klingt zu hässlich und gibt in keiner Weise wieder, was der Song sein soll. Großartig gespielt, verträumt, lässt einem Zeit zum Atmen. Schön.

9. White Window

Quote eclipsed:

„Welch eine Kraft verbirgt sich in diesem Track! Welch eine Finesse in den Arrangements! Der Odenwälder Formation SOAPBOX gelingt der Spagat aus alternativem New Artrock und überraschenden Soundspielereien, die auf dem hier präsentierten „White Window“ von seltsam verfremdeten Gitarren bis hin zu ganz kurz eingestreuten Ethno-Vocals reichen.

Nicht viel hinzuzufügen. Außer vielleicht das hier:

10. As It Hurts

Unter Musikbanausen würde das hier als „Ballade“ durchgehen. Ist es aber nicht. Spätestens wenn die gezupften Gitarren von einer klagend-wütenden Sologitarre übermalt werden, kommen erste Erinnerungen an die großartigen Aereogramme hoch. Bis diese Assoziationen wieder von den tonnenschweren Gitarrenwänden überrollt werden, die den Song zu seinem grandios epischen Höhepunkt führen. Würdiger Abschluss.

So, es sollte klar geworden sein, dass die Platte schlicht und einfach arschtight gespielte, ernsthafte Ärsche rockende, auf CD gepresste Awesomeness ist, die jeder der mit Mogwai, Deftones, Smashing Pumpkins, Dredg, Tool, Helmet auch nur entfernt was anfangen kann (und jeder, der das nicht kann, auch) in seinem Regal stehen haben sollte!

Here’s the catch: Die Jungs haben sich zeitgleich mit der Veröffentlichung der Platte aufgelöst! Life’s bittersweet. Bestellen kann man die Scheibe zwar noch, aber ich weiß nicht wie viele Kopien es noch gibt, oder ob weitere geplant sind, also besser beeilen. Instruktionen zum Bestellvorgang finden sich auf der erwähnten MySpace-Seite.

6 thoughts on “Soapbox – Odenwald Democracy

  1. Den Klippenfaktor in seiner Ur- und vollkommenen Form gab es allerdings nur bei uns😉 bei SB ist er zwar erkennbar, aber lange nicht so rein (wenn’s auch sonst gut abgeht)

  2. Pingback: Übersichtlichkeit « The Mile High Blog

  3. Wow, hab das hier grad zufällig gefunden.. Danke für die ausführliche Rezi und die Blumen!! ( Du bist übrigens der erste dem die neue The Hill.. Version besser gefällt .-) ) und Deine Gedanken zu ..no Fish treffens so was von.. geht mir genau so.. mal so, mal so..
    Viele Grüße übern Teich!!!
    Jens

  4. Jo, kein Ding, ich hab ja zu danken für die großartige Platte!🙂 Hab halt gedacht, wenn schon in der Musikpresse da drüber nix stehen wird, dann muss ich das wohl selbst in die Hand nehmen.

    Und, echt, die neue The Hill…-Version geht einfach mehr auf die 12 und da steh ich halt drauf…🙂

    Grüße übers große Wasser zurück (und sagt Bescheid, wenn die Reunion-Tour ansteht😉 )

  5. Pingback: Reaktivierung des Blogs / New York | The Mile High Blog

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