Terry Pratchett – Original und Übersetzung

Habe passend zu der Jahreszeit die Lektüre von „Wintersmith“ von Terry Pratchett begonnen. Es ist das erste Mal, dass ich ein Terry Pratchett Roman im Original lese. Und auch wenn ich bisher davon überzeugt war, dass der Übersetzer Andreas Brandhorst eigentlich gute Arbeit geleistet hat (ohne das natürlich auf eine exakte empirische Beobachtung stützen zu können🙂 ), war ich doch etwas überrascht, was in der Übersetzung alles verloren geht. Ich bin darauf bei der Verwendung des Ausdrucks „take the cake“ („den Vogel abschießen“) darauf gestoßen. Pratchett verwendet diesen Ausdruck zunächst in seiner einfachen Version und baut es aber dann zum Wortspiel aus, indem er es übersteigert. Hört sich kompliziert an, ist aber ganz einfach:

Original:

But when it came to odd, Mrs Treason didn’t just take the cake, but a packet of biscuits too, with sprinkles on the top and also a candle.

Übersetzung:

Doch in Sachen Seltsamkeit schoss Fräulein Verrat eindeutig den Vogel ab. Und es war ein großer Vogel, mit vielen bunten Federn.

Dabei wird deutlich, dass bei der Übersetzung doch einiges verloren geht. Das soll nicht heißen, dass die Übersetzung von Andreas Brandhorst schlecht ist, nein, ich denke, es ist sogar das beste was man daraus machen kann. Nichtsdestotrotz geht aber etwas verloren. Das zeigt sich noch stärker bei folgendem Beispiel, bei dem Pratchett dieses Wortspiel nocheinmal aufgreift:

Original:

Yes… perhaps Miss Treason didn’t just take the cake, a packet of biscuits with sprinkles on the top, and a candle, but also the trifle, the sandwiches and the man who made amusing balloon animals afterwards.

Übersetzung:

Ja, in Sachen Seltsamkeit schoss Fräulein Verrat nicht bloß den Vogel ab. Sie holte einen ganzen Schwarm herunter.

Ein weiter Punkt betrifft die Übersetzung der „Kleinen Freien Männer“ („Wee Free Men“). Diese kleinen Gnome sprechen im Original mit einem irisch/schottischen Akzent, den Pratchett einfach in die Schriftsprache übernimmt. Das erzeugt den Effekt, dass man sich die kleinen Männer mit Tätwierungen und langen, roten Haaren förmlich vor sicht sieht. Dieser Akzent kann aber praktisch nicht ins Deutsche übersetzt werden, denn hier gibt es keinen Akzent den wir sofort mit rothaarigen, rauf- und trinklustigen Gestalten in Verbindung bringen. Ein Beispiel verdeutlicht den Sachverhalt wieder einmal besser:

Original:

‚Ach crivens!‘ it grumbled. ‚Will ye no‘ look at this? ‚Tis the work o‘ the wintersmith! Noo there’s a scunner that willnae tak‘ „no“ fra‘ a answer!‘

Übersetzung:

„Potzblitz“, brummte es, „Seht euch das an! Das is‘ das Werk des Winterschmieds! Er meint es verdammt ernst!“

Hierbei ist anzumerken, dass Pratchett für die „Wee Free Men“, die Feegles, ein kleines Sprachlexikon entworfen hat, indem Begriffe wie ‚crivens‘, ‚waily‘ oder ‚hag o‘ hag‘ mit viel Humor definiert werden. Diese Sprachfeinheiten sind wohl der Übersetzung zum Opfer gefallen, auch wenn es wahrscheinlich nur mit schwerem Herzen geschehen ist.

Es wäre natürlich möglich, dass sich diese Übersetzungsprobleme ausgerechnet in diesem Roman häufen, sehr wahrscheinlich ist es aber nicht…

All das lässt jetzt natürlich eine große Frage im Raum stehen: Muss ich all die Scheibenweltbücher, die ich bisher gelesen habe, nochmal im Original lesen um den vollen Umfang Pratchetts Humors verstehen zu können? Vielleicht sollte ich mal eins oder zwei, die ich schon gelesen habe mir auf Englisch zu Gemüte führen und mich dann an ein Urteil wagen…

8 thoughts on “Terry Pratchett – Original und Übersetzung

  1. Tja, Übersetzer werden üblicherweise schlecht bezahlt, daher müssen sie schnell arbeiten und übersetzen runter, ohne lang nachzudenken. Dass man für ein Kaliber wie Pratchett nicht mehr investiert, erstaunt mich allerdings immer wieder.

    Schon allein der Name: Miss Treason klingt, als könnt’s den Namen wirklich geben. Fräulein Verrat heißt niemand. Dabei gibt es im deutschen Sprachraum Leute, die z.B. Verderber heißen oder Bauernfeind oder Hönigschmied. Daran hätte sich der Übersetzer anlehnen müssen. Da fällt mir z.B. Frl. Renkeschmid ein. Frl. Emilie Hochverrat würde schon glaubwürdiger klingen.

    Und der Witz mit dem Kuchen wäre ja auch nicht so schwer rüberzubringen:

    Doch in Sachen Seltsamkeit schoss Fräulein Renkeschmid eindeutig den Vogel ab. Und nicht irgendeinen. Mindestens einen Lämmergeier. Der einen Bussard in den Krallen trug. Der gerade einen Sperber verschluckt hatte. Dem noch ein Mäuseschwänzchen zum Schnabel heraushing.

    Und als Steigerung:

    Ja wirklich, in Sachen Seltsamkeit schoss Fräulein Renkeschmid nicht nur den Lämmergeier mit dem Bussard, dem Sperber und dem Mäuseschwänzchen ab, er fiel ihr auch fertig gerupft, gebraten und mit Kastanien- und Apfelfülle versehen direkt aufs Serviertablett.

    Und für die NacMcFeegle müsste man wohl einen Bergdialekt aus dem Grenzgebiet von Tirol, Bayern und Graubünden hernehmen bzw. erfinden:

    „Ach läck, lug dr das a! Das isch dr Wintrschmiad gwen! Oh bluatige Suudräck, där spaßet nitt!“ oder so ähnlich.

    Also: Terry Pratchett unbedingt im Original lesen. Alle Übersetzungen, die ich kenne, sind keine Übersetzungen sondern Inhaltsangaben.

    Gruß

    Martin Auer

  2. Pingback: Stilus » Blog Archiv » Schlechte Übersetzer

  3. Bei dem Wortspiel stimme ich dir zu, aber bei den NacMcFeegle bin ich skeptisch:

    Und für die NacMcFeegle müsste man wohl einen Bergdialekt aus dem Grenzgebiet von Tirol, Bayern und Graubünden hernehmen bzw. erfinden:

    “Ach läck, lug dr das a! Das isch dr Wintrschmiad gwen! Oh bluatige Suudräck, där spaßet nitt!” oder so ähnlich.

    Ich kann mir da keinen deutschen Dialekt vorstellen, der hier einigermaßen passen würde, bzw. der zumindest die gleichen Assoziationen weckt, die ich beim Lesen des Originals bekomme.

  4. Als deutsche McFeegles kammen für mich am ehesten die Bewohner des Gebietes zwischen Franken und Vogelsberg in Betracht. Ich müßte mich jetzt arg konzentrieren, den entsprechenden Dialekt hier zu emulieren. Aber rrrollende ›R‹s harde ›D‹s und waische ›T‹s müßten den iro-schottischen Wahnwitzdialekt ins frängo-vogelsbärsche durchaus zu wuppen vermögen.

  5. Nun gut – den Sprachwitz angemessen zu übersetzen ist das eine, die mit der Sprache verbundenen Kulturassotiationen sind das andere. Das kann durch eine Übersetzung m.E. gar nicht erreicht werden.

    Auch wenn der Dialekt einigermaßen adäquat übersetzt worden wäre, beim Hören des fränkischen Dialekts kommt mir eben nicht sofort das Bild eines saufenden, prügelnden, stehlenden und dazwischen immer mal wieder feiernden Vollbartschotten in meine Vorstellung – und das ist ja schließlich der Effekt, den Pratchett mit seinem gezielten Einsatz dieser Sprache erzielt.

    Und daher kann diese Komik eigentlich gar nicht übersetzt werden – weshalb ich das dem ansonsten ausgezeichnet arbeitenden Übersetzer Andreas Brandhorst auch gar nicht ankreide.

  6. Es ist ja zuweilen die Rede davon, dass die wirklich durchgeknallten Deutschen ausnahmslos aus Bayern kommen, und als aus Oberbayern stammender kenne ich die bayerninterne Steigerung, dass nämlich die wahrhaftig wahnwitzigen Bayern aus Franken kommen. — In diesen paar Zeilen steckt für die entsprechen Phanatics rennitenter Lokalpatriotsmen genug Zündstoff, um den Watschenbaum über meinem Haupt kräftig auszuschütten. Aber ich bleib bei der Meinung & gebe darüberhinaus zu bedenken: Rothaarige die saufen und raufen und wirr reden und schärfstes Mißtrauen gegenüber den Großkopferten pflegen (sprich den reicheren Niederbayern, Münchner usw, bzw. da wo die Missionars-Fressergegenden ins Vogelsbergsche Land ausfransen gegenüber den Fuldaern usw.), gibt’s in Franken und den angrenzenden argen Gefilden. (Meine Mama wuchs dort auf, daher sicherlich meine diebezüglich aufgeschlossene Assoziation🙂 )

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