The Wire

Bild: © HBO

Ein Blog über meine Eindrücke aus den USA (und das ist das ganze Unternehmen hier ja größtenteils) wäre nicht vollständig ohne einen Eintrag zu der großartigen HBO-Fernsehserie The Wire (2002-2008, 5 Staffeln). Wait, hat er wirklich “Fernsehserie” geschrieben? Hat er. Aber was – um alles in der Welt – soll eine Fernsehserie bitteschön zu den Eindrücken aus den USA beitragen können? Immerhin sprechen wir hier von einem Land, das mit FOX News gesegnet ist! Kann eine Serie da irgendwelche Erkenntnisse hervorrufen, außer verzweifeltem Kopfschütteln? Sie kann. Lasst mich ein bisschen ausholen, um das Ganze zu erklären.

Was ist The Wire?

Gleich diese erste Frage führt aufs Glatteis. Auf deutsch würde man The Wire wohl am ehesten als “Krimiserie” bezeichnen – doch der Vergleich hinkt. Von einem deutschen Tatort ist The Wire soweit entfernt, wie ich momentan vom Tübinger Bierkeller. Das Problem ist (und dazu komme ich später noch ausführlicher), dass es so etwas wie The Wire im deutschen Fernsehen einfach nicht gibt.

Nun kommt der Krimiserienvergleich nicht von ungefähr, denn bei The Wire geht es tatsächlich teilweise um Polizisten. Es geht aber noch um vielmehr. Die Hauptcharaktere sind neben einer großen Anzahl erwähnter Polizisten auch Drogendealer, Politiker, Lehrer, Junkies/Obdachlose, Reporter, Stick-Up Men (übersetzt mir das mal einer vernünftig auf Deutsch!), Schulkinder, Hafenarbeiter, Richter, Anwälte, entlassene Häftlinge – und Baltimore.

Baltimore, gelegen an der US-Ostküste zwischen D.C. und Philadelphia, ist nicht bloß der Handlungshintergrund für die vielen Charaktere der Serie. Schöpfer und Autor der Serie David Simon – langjähriger Reporter der Baltimore Sun – nennt The Wire seinen “Liebesbrief” an die Stadt und in vielen Interviews wird Baltimore auch als “heimlicher Hauptdarsteller” der Serie genannt:

Das Online-Magazin de:bug schreibt zur Rolle der Stadt Baltimore in The Wire:

David Simon gelingt [...], was seit ungefähr 200 Jahren höchstes Ziel aller Erzählkunst ist, oft versucht wurde und selten erreicht: eine Stadt zu erzählen. Eine Stadt, dargestellt über die umfassende Krise ihrer Institutionen: Polizei, Staatsanwaltschaft, Gefängnis, Schule, Gewerkschaften.

Nun haben wir einen Haufen an Hauptcharakteren + eine Stadt als heimlichen Hauptcharakter. Worum kann es da inhaltlich gehen ohne zu verwirren? Grundthema, das sich durch alle 5 produzierten Staffeln zieht, ist die Drogenproblematik Baltimores. Dabei wird einerseits der Drug War der Polizei dargestellt, gleichzeitig aber auch die Auswirkungen dieser Auseinandersetzung mit der breiteren Gesellschaft thematisiert – daher auch die vielen Charaktere. Dabei bewegt sich die Serie jedoch im weiteren Verlauf z.T. weg vom engen Fokus auf die Drogenproblematik (auch wenn sie stets präsent bleibt) und widmet sich, wie in obigem Zitat deutlich wird, den anderen Problemen einer Stadt im postindustriellen Zeitalter. Und ja, das hört sich nicht nur verwirrend an, sondern ist es teilweise auch. Aber das macht rein gar nichts.

Um was geht es wirklich?

Warte! sagt da der eingefleischte Tatort-Fan. Auch im Tatort wird gegen Drogendealer ermittelt und wenn Sonntagabend die Ludwigshafener Kripo lospfälzert ist doch auch etwas von Liebe zum Drehort zu spüren!

Nun, The Wire ist anders. Umfang, Erzählstruktur, Realitätsnähe und thematische Vielfalt ergänzen sich hier meisterhaft und sind nicht vergleichbar mit dem was man aus deutschem Fernsehen gewohnt ist. Allenfalls der Vergleich mit anderen HBO-Klassikern wie Sopranos, Deadwood oder Network-Shows wie Lost und Battlestar Galactica kann hier angeführt werden (auch Six Feet Under soll unter diese Kategorie fallen – ich hab’s leider immer noch nicht gesehen) .

Umfang

Die Liste der Charaktere von The Wire umfasst 195 (!) Einträge (nach fünf Staffeln). Zugegeben, in der Liste ist wirklich jeder Charakter, der mit Namen auftaucht, aufgeführt. Der Punkt ist aber, dass jeder, der die Serie kennt und die Liste durchgeht, bei den meisten Namen tatsächlich ein Bild (und damit eine Geschichte) im Kopf hat. Ging mir beispielsweise bei der (sogar noch längeren) Liste der Sopranos-Charaktere nicht so. Will sagen: die Anzahl der Charaktere, die Simon’s Baltimore bevölkern und tatsächlich mit Leben (und Sterben) erfüllen ist auf den ersten Blick unüberschaubar komplex. Was gewollt und kein Nachteil ist. Denn die Realität, die Stadt, Baltimore ist nun einmal unübersichtlich, chaotisch und komplex – und The Wire gelingt es meisterhaft diese Komplexität abzubilden, indem Charaktere von allen gesellschaftlichen Schichten (s.o.) – vom obdachlosen Drogenjunkie bis hin zum korrupten Politiker – in die Geschichte eingeflochten werden. Das wirklich interessante dabei ist aber, dass wir dabei nicht die vorgefertigten Good Cops / Bad Drug Dealers (oder anders rum) vorgesetzt bekommen, sondern jeder Charakter innerhalb seiner eigenen Welt und damit seiner eigenen Logik dargestellt wird. O-Ton David Simon:

I think some people may have problems with ["The Wire"] because the expectation is of a cop show and of delivering either arrests or denouements at the end of every episode and basically exploring good and evil. Good and evil at this point bores the shit out of me.

Und weiter: “The show is grey because modern life itself is more complex than the simplistic morality of American television”. True that.

Erzählstruktur

Serienschöpfer David Simon vergleicht die Erzählstruktur von The Wire gerne mit der von Romanen oder einem 66-Stundenfilm. Folgen- oder Staffelüberspannende Story-Arcs sind zwar im amerikanischen Fernsehen nichts neues mehr, in der deutschen TV-Landschaft allerdings nicht wirklich angekommen (und nein, ein Episoden-überspannender Handlungsbogen hat mit Pseudocliffhangern deutscher Vorabendsoaps aber mal gar nichts zu tun). So schreibt salon.com in einem Feature über die Serie:

“It’s a novel,” David Simon likes to say about the show he created, HBO’s “The Wire.” Which is a good way of explaining the show’s distinctively long plot arcs, dense webs of characters and grand scope [...]

Zusammen mit der großen Anzahl der Charaktere, macht es das natürlich für den Durchschnittszuschauer nicht unbedingt einfach. Das ist aber durchaus Absicht, so der Guardian über Simon:

It’s part of the price of admission to Simon’s worlds, both fictional and non-fictional, that you’ll have almost no idea what’s going on for the first few episodes, or the first few hundred pages. [...] This is quite deliberate. The key principle of Simon’s storytelling was encapsulated in a remark that caused raised eyebrows when he uttered it, late last year, on BBC2′s Culture Show: “Fuck the average viewer.”

Lässt man sich auf diese ungewohnte Erzählweise erst einmal ein, wird man umso mehr belohnt, je weiter die Serie voranschreitet. Man ist irgendwann in der Lage Ereignisse und Personen einzuordnen, die man vorher nur als Randfiguren/-ereignisse wahrgenommen hat – oder man schaut durchaus nochmal eine Szene oder eine ganze frühere Folge an, um der Handlung zu folgen.  Am Ende ist das Akzeptieren dieser Erzählstruktur um einiges befriedigender als man es von “normalem” Fernsehen gewohnt ist. Von daher ist der Vergleich zu einem Buch, bei dem man die einzelnen Charaktere kennen-, lieben oder hassen gelernt hat, nicht von der Hand zu weisen. Deshalb braucht The Wire vor allem zwei Dinge, die das gegenwärtige RTL/Pro7/SAT1/MTV-Fernsehen (leider auch kaum verhindert vom ARD/ZDF-Programm, zumindest was intelligente Unterhaltung angeht) verzweifelt versucht uns abzugewöhnen: Zeit und Konzentration. Dazu nochmal der Guardian:

For the average reader or viewer, “the promise is that, as they go along, they’ll understand more and more, and maybe by the end they’ll understand most if not all of it”. This sounds daunting, but watching The Wire [...], that’s not how it feels: the ingenious effect is to leave the viewer with the smugness-inducing sense of being smarter than before. “I love people who get to the end of the first episode and say, ‘That’s the show they’re calling the greatest show in television? What?’” Simon says. “The first season of The Wire was a training exercise. We were training you to watch television differently.”

Und Simon hat hier tatsächlich einen Punkt. Ich hab grad nochmal begonnen die erste Staffel zu schauen – und im Rückblick – mit dem ganzen Detailwissen, das man sich über die 5 Staffeln angeeignet hat – wirkt die Serie ganz anders. Man erkennt deutlich, dass die Macher sich von Beginn darauf konzentrieren eine in sich geschlossene, glaubwürdige Story aufzubauen. Bewertet man die ersten Folgen beim ersten Schauen noch als langsam und handlungsarm, so wird im Rückblick deutlich, wie viel “Grundlagenarbeit” für den weiteren Handlungsverlauf in diesen ersten Folgen geleistet wird.

Realitätsnähe

Neben der intelligenten Erzählstruktur profitiert The Wire extrem von seiner Realitätsnähe. Die beiden Hauptautoren der Serie David Simon und Ed Burns können dabei aus einem reichhaltigen Erfahrungsschatz schöpfen: Simon war langjähriger Reporter bei der Baltimore Sun, während Burns tatsächlich Mordermittler im Baltimore Police Department sowie Lehrer in einer öffentlichen Schule in Baltimore war. Und diese Authentizität merkt man der Serie an. Viele Charaktere und Ereignisse basieren auf realen Vorbildern, welche für die Serie teilweise kombiniert wurden, um die Erzählung stringenter zu machen. Serienschöpfer David Simon beschreibt diese Realitätsnähe in einem Interview wieder mal mit dem Guardian (ganz offensichtlich ist The Wire in Großbritannien extrem populär):

The stories in The Wire are based with some precision on the drug trade in Baltimore as Simon covered it and Burns policed it. Most of the characters are rendered as composites, with each representing two or three actual players in the game. For example, Omar — the singular stickup boy who robs dealers — is based on a number of Baltimorelegends who did precisely that in the 1980s and 1990s and early into this new century [...]. And the story as a whole is rooted on the wiretap cases undertaken against such major Baltimoredrug traffickers as Melvin “Little Melvin” Williams, Chin Farmer, Cookie Savage, Warren Boardley and Linwood Williams — all of which were undertaken by Ed Burns, who specialized in such investigations. [...] The usual plotlines give way to what is real and disturbing and by its very authenticity, even, well, entertaining. Though entertainment is not the most important point to the writers or creators. Giving an honest voice to a modern postindutrial city and all of its inhabitants — the charmed and the damned alike — is the point. [...]

Dabei macht Simon deutlich, wie sehr die Komplexität der zahlreichen Charaktere die Authentizität fördert. Simon fährt fort:

We are not as much interested in whether the bad guy gets caught by the good guy — although that basic theme plays out in the drama. We are interested in how it is that we in America create a social and economic culture in which “bad guys” are necessitated, and further, whether it is as easy as it seems to make moralistic judgments about individuals once they are rendered in all their confusion and complexity

Ein anderer Aspekt, der die Realitätstreue von The Wire beschreibt, ist der Umgang mit Sprache. Die Autoren waren sehr darauf bedacht, die verschiedenen Sprachstile der jeweiligen sozialen Gruppen korrekt wiederzugeben. Dabei kann einen der tiefe Slang der Baltimore’schen Drogenszene schon mal ins Verzweifeln bringen – und sogar in den USA war es wohl so, dass viele die Serie mit Untertiteln sehen mussten. Wer als nicht Englisch-Muttersprachler das Ding ohne Untertitel gesehen hat und seine Großmutter dafür verwetten würde, dass er alles (!) verstanden hat, sollte straight Dolmetscher werden. Schlimmer kann’s eigentlich nicht mehr werden. Tatsächlich gewöhnt man sich an einige der Straßen-Ausdrücke ziemlich schnell, bis die Autoren dann in der zweiten Staffel größtenteils weg von der Straße hin zu den Hafenarbeitern gehen, die wieder einen komplett anderen Slang drauf haben… argh!  Insgesamt ist es jedoch mit (englischen) Untertiteln sehr gut machbar, auch wenn man hin und wieder das Urban Dictionary anwerfen muss, um einige der Spezialausdrücke rauszufinden.

UPDATE: Beim Stöbern im Internet bin ich auf zwei Webseiten gestoßen, auf denen der Drogen-/Polizeislang und der Zeitungsslang (5. Staffel) etwas ausführlicher erklärt wird. Besonders auf letzterem Blog kann man sich ruhig etwas umschauen, da findet sich noch einiges mehr zu The Wire.

Btw: ein deutsche Synchro ist wohl in der Mache, die Serie läuft, soweit ich weiß, auf Premiere/Sky/oder wie auch immer die Bezahlsender in D grad heißen. But seriously, The Wire MUSS auf Englisch geschaut werden, auch wenn’s manchmal hart ist – genau das gehört zum Konzept. Egal wie gut die Übersetzer sind (anscheinend geben sie sich Mühe – Interview hier), sie werden NIE die Authenzität des amerikanischen Originals treffen können. Fakt, Punkt.

Thematische Vielfalt

Was die Serie aber am deutlichsten von herkömmlicher TV-Unterhaltung unterscheidet (und was ihre Größe ausmacht) ist ihre thematische Vielfalt. The Wire nimmt sich einer Vielzahl von Motiven an, grob ein Motiv pro Staffel. Staffel 1 behandelt den “War on Drugs”, Staffel 2 den Zustand der amerikanischen Arbeiterklasse am Beispiel der Baltimore’schen Hafenarbeiter, Staffel 3 thematisiert die (Un-)Fähigkeit politischer/gesellschaftlicher Institutionen zur Reform (am Beispiel des Police Departments und des Bürgermeisteramtes), Staffel 4 nimmt das Schulsystem unter die Lupe und die letzte Staffel macht die marode amerikanische Medienlandschaft am Beispiel der “Baltimore Sun” (Baltimores Lokalzeitung) zum Thema.

Gleichzeitig ziehen sich einige der Grundmotive durch die Show in ihrer Gesamtheit, allen voran eine scharfe Kritik an den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, die die oben genannten Probleme auslösen, verschärfen und deren Lösung verhindern. Diese explizite Sozialkritik ist es, was die Show so eindrücklich und unvergesslich macht. An dieser Stelle seien die  Bemerkungen David Simon in voller Länge zitiert, denn er kann am besten ausdrücken, wie sich das Grundmotiv der Sozialkritik in den einzelnen Staffeln äußert:

The first season of the show is a treatise on the nature of institutions — the police department’s political structure, the drug trade’s hierarchy are two sides of a coin — and what those institutions do to the individuals that serve them or are supposed to be served by them. It is, in an abstract sense, the story of cheated workers at Enron, or sexually abused parishioners of the Catholic Church, or American soldiers sent to police a nightmare without sufficient supply or armor, or any number of instances in which modern institutions have betrayed their members.

The second season of The Wire, centered around Baltimore’s dying port unions, is a meditation on the death of work and the betrayal of the American working class, it is a deliberate argument that unencumbered capitalism is not a substitute for social policy, that on its own, without a social compact, raw capitalism is destined to serve the few at the expense of the many.

The third season, which just aired in America, reflects on the nature of reform and reformers, and whether there is any possibility that political processes, long calcified, can mitigate against the forces currently arrayed against individuals.The third season is also an allegory that draws explicit parallels between the War in Iraq and the national drug prohibition. With themes such as these, how could any thinking drama not be decidedly grey?

(Das Interview wurde nach der dritten Staffel geführt, daher fehlen Beschreibungen der letzten beiden Staffeln. Sie gehen aber in eine ähnliche Richtung)

Ich will hier aber nochmal etwas näher auf den Punkt eingehen, den Simon in seiner Beschreibung der Themen der ersten Staffel macht: Den Aufbau und die (Dys-)Funktionalität von Institutionen und Bürokratien. Das ist ein Thema, das mich als Politikwissenschaftsstudent natürlich interessiert, weshalb ich hier etwas abschweife. Weniger Interessierte können die folgenden Absätze gerne überspringen.

The Wire beschreibt nicht bloß das Scheitern von Institutionen beim Versuch soziale Probleme zu bearbeiten, sondern beleuchtet auch die tieferen Ursachen, die diesem institutionellen Scheitern – sei es im Police Department, der Stadtverwaltung oder auch dem Verwalten des Drogenhandels – zu Grunde liegen und macht damit einen Punkt, der weit über die Funktionsweise einer amerikanischen Großstadt hinausgeht. Die Literaturzeitschreift “The Oxonian” der University of Oxford fasst dieses Argument in einem Artikel über die Show (jepp, genau, wir haben hier eine Literaturzeitschrift, die eine Fernsehshow analysiert – think about it!) präzise zusammen:

Even if The Wire focuses on particular failing institutions, it implicitly makes a deeper point about institutions as such. As a society, our response to most problems that require collective action is to set up institutions that provide constraints and incentives to help align self-interest with the goal in question. Unfortunately, complex problems, such as education or crime, cannot be perfectly captured by institutional design. The gap between the incentives and constraints established by any institution and the goals it is meant to serve leaves a space for self-interest to subvert the original purpose of the institution. The Wire illustrates this tendency by showing its extreme manifestations in the war on drugs, in the public school system, and in democratic politics.

Dieses Argument über das Scheitern von Institutionen lässt sich auch auf das Funktionieren anderer Bürokratien, etwa Ministerien, übertragen. Ich lese zur Zeit das großartig geschriebene, sehr bewegende “A Problem From Hell – America and the Age of Genocide” (Harper Perennial, 2002) über die Untätigkeit amerikanischer Außenpolitik angesichts der Völkermorde des 20 Jahrhunderts (an dieser Stelle unbedingte Leseempfehlung!). Darin beschreibt die Autorin, wie im U.S. State Department Nachrichten und Informationen über den stattfindenden Genozid in Bosnien zu Beginn der 90er Jahre behandelt wurden und wie Analysten des State Departments versuchten, das aus ihrer Sicht moralisch richtige mit diesen Informationen anzufangen:

It is probably no coincidence that the less-experienced U.S. officials [in the State Department, F.H.] were likelier to let their human response to the carnage bubble over. These low-ranking officials did not allow their understanding of the slim odds of American intervention to cloud or alter their assessments of the problem. But their internal analysis and ongoing appeals met silence. They sent reports daily from intelligence officers, embassy staff, and journalists in the field up the chain of command and watched them become more sanitized at each rung of the ladder. By the time the analysis reached the secretary of state – when it did -  the reports would have been unrecognizable to their original drafters. “The Clinton policy was unrealistic, but nobody wanted to change it, ” says Harris. “So those who defended it consciously and unconsciously contorted the reality on the ground in Bosnia to make chosen policy seem sensible.” Unwilling to alter the policy, officials in the Clinton administration had to reinterpret the facts. (S. 307-308)

Für jemand, der die Serie kennt, klingen diese Abläufe und Probleme vertraut, ähnelt es doch sehr der Jagd nach immer niedrigeren, die Realität ignorierenden Verbrechensstatistiken im Baltimore Police Department, mit der die Charaktere zu kämpfen haben, die trotz anders lautender Direktiven von oben immer noch motiviert sind, vernünftige Polizeiarbeit zu leisten. Dieser Einblick, den The Wire in die (Dys-)Funktionsweise von Institutionen und modernen Bürokratien bietet, macht die Serie so einzigartig und so interessant auf so vielen verschiedenen Ebenen.

Moment, höre ich den geschätzten Leser sagen. Eine Serie, die sogar politikwissenschaftliche Analysen über irgendwelche Institutionen erlaubt, wait, die kann nicht gut, geschweige denn in irgendeiner Form spannend und unterhaltsam sein. Berechtigtes Argument, aber leicht zu entkräften. Denn das großartige an The Wire ist, dass es trotz all der Sozialkritik und den tieferen Motiven, einfach eine gut geschriebene, spannende Show ist, die mit glaubwürdigen Charakteren interessante Geschichten erzählt. Zugegeben, man muss sich an den großen Cast und die ungewöhnliche Erzählweise gewöhnen. Aber man muss sich nicht nach jeder Folge hinsetzen und mit Papier und Bleistift die verschiedenen Interpretationsansätze durchdeklinieren. Somit hat der Oxonian recht wenn er schreibt: “Its writers may see the show as a piece of social criticism, but they are careful to ensure that it never feels didactic”. Es kann auch so Spaß machen, die Serie zu schauen, vor allem da auch der – zugegeben teilweise recht schwarze und/oder derbe – Humor glücklicherweise nicht zu kurz kommt. Aber man kann so unglaublich viel mehr mitnehmen, wenn man etwas tiefer gräbt und hinter den Vorhang blickt.

Warum nicht in Deutschland?

Betrachtet man all das, fragt man sich, warum die Serie oder zumindest etwas vergleichbares im deutschen Fernsehen nicht zu finden ist. Zugegeben, die Begeisterungsstürme der amerikanischen Kritiker (The Wire wird in den USA gemeinhin als “best TV show ever” bezeichnet, ein Titel den es den Sopranos – meiner Meinung nach zurecht – streitig gemacht hat) sind auch in die deutschen Feuilletons herübergeschwappt. Der Spiegel, die ZEIT, die FAZ, die Süddeutsche und die taz haben alle über die Serie berichtet, das deutsche Internet-Magazin Telepolis wählte The Wire kürzlich auf Platz 1 der besten TV-Serien der Dekade. Doch keiner der Beiträge stellt die Frage, warum weder die Serie, noch etwas von vergleichbarer Qualität im deutschen Fernsehen Fuß fasst – denn an brisanten Themen, die kreativ umgesetzt werden könnten, mangelt es der deutschen und/oder der europäischen Gesellschaft mit Sicherheit nicht.

Ich kann an dieser Stelle keine Antworten liefern. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus dem Desinteresse der Zuschauer, mangelnder finanzieller Möglichkeiten (immerhin haben wir so etwas wie HBO nicht annähernd) sowie Mutlosigkeit der Sender (allen voran der öffentlich-rechtlichen!), eine kritische, intelligente und anspruchsvolle Serie zu produzieren. Wahrscheinlich hatte Reich-Ranicki halt doch Recht, als er damals den deutschen Fernsehpreis ablehnte…

Übrigens macht sich The Wire auch in der deutschen Blogosphäre erstaunlich rar – sieht man von den oben verlinkten Zeitungsartikeln ab, die eigentlich auch nicht zur klassischen Blogosphäre zählen. Nach intensiver (aber nicht extensiver) Suche, hab ich gerade mal zwei etwas längere Beiträge zu der Serie gefunden, einen auf Maxiststudent und einen auf de:bug, das eigentlich gar kein Blog, sondern ein Mix aus Web- und Printmagazin ist. Das ist erstaunlich, da amerikanische TV-Serien, vor allem in DVD-Boxformaten, inzwischen großen Anklang in Deutschland gefunden haben (im erwähnten de:bug-Artikel wird treffend beobachtet, dass man in den vergangenen Jahren immer häufiger mit dem Satz “ich schau nur noch HBO-Fernsehserien, kennst du eigentlich …“ konfrontiert wurde). Da würde man meinen, ein Weblog sei das Medium der Wahl um über dieses Hobby zu berichten – aber weit gefehlt. Irgendwie tut sich dieses Land schwer mit der Anerkennung guter Fernsehkunst…

Im Gegensatz dazu ist in englischsprachigen Blogs so einiges zu der Serie zu finden. An dieser Stelle sei exemplarisch dafür nur auf ein Blog des britischen (ihr habt es sicher schon erraten) Guardian hingewiesen, der The Wire Folge für Folge analysiert. Der Blog ist allerdings nur für Kenner der gesamten fünf Staffeln zu empfehlen, da hier die Folgen im u.a. Lichte ihrer Bedeutung für die Gesamterzählung der Serie besprochen werden und daher notgedrungen z.T. extrem gespoilert wird.

Wie dem auch sei, ich kann an dieser Stelle nur damit schließen, eine unbedingte Anschaffungsempfehlung für The Wire abzugeben (ey, 90 öcken bei amazon.de als Import is echt fast geschenkt für die komplette Box). Umfang, bestechende Realitätsnähe, kreative Erzählstruktur und eine kritische thematische Vielfalt machen The Wire in der Tat zu einer außerordentlichen Serie. Ich hoffe, es ist einigermaßen klar geworden, inwiefern diese Serie dazu beitragen kann, Einblicke in das urbane Amerika zu gewinnen – falls nicht, so bleibt nur eins: anschauen!

P.S.: Auch wenn ich hier eine bedingungslose Anschaffungsempfehlung für diese Serie abgeben kann, so muss ich doch noch ein, zwei Worte zu der Qualität der DVD-Box sagen. Die ist nämlich unterirdisch und man fragt sich ernsthaft, ob die Designer dieser Box ihr Gehirn an der Pforte abgegeben haben, bevor sie diese Box entwarfen. Alle DVDs sind in seltsamen Plastikslippern verpackt, die relativ lose in einem aufklappbaren Schuber liegen. Nein, keine Clips zum befestigen – und somit sind Kratzer vorprogrammiert, abgesehen davon, dass die DVDs alle rauspurzeln, sobald man eine Staffel-Box aufklappt. Auch die Bild-Qualität der DVDs lässt manchmal sehr zu wünschen übrig und pixelt manchmal extrem. Woran das liegt ist nicht ganz ersichtlich. Auf manchen DVDs sind nur zwei Folgen, auf manchen vier, aber die Qualität z.T. ähnlich schlecht, weshalb es wohl nicht an der Bildkompression liegt. Darüber hinaus sind auch die Extras extrem mager und ein Bonus-Feature, dass auf der Box steht, ist auf der DVD nirgendwo zu finden. Alles in allem kann diese wirklich schlechte Verarbeitung der DVDs jedoch den Spaß am Schauen nicht wirklich trüben, dafür ist die Serie inhaltlich einfach zu gut.

(Wer sich jetzt Sorgen macht, dass ich gleich zu Beginn des Quarters mich in ellenlangen Blogposts verkünstle, anstatt meinen Unikrempel zu erledigen, der sei beruhigt. Der Beitrag wurde über die Winterferien verfasst und bekam in den letzten Tagen nur noch ein paar Linkupdates, daher die späte Veröffentlichung)

8 thoughts on “The Wire

  1. ich kann es mittlerweile aber auch keinem deutschen sender mehr verdenken, dass serien wie the wire, sopranos, lost u.ä. entweder auf sendeplpätze tief in der nacht geschoben werden oder einfach gar nicht mehr gezeigt werden…das deutsche publikum nimmt serien, die eine gewisse aufmerksamkeit beim mitsehen – auch über mehrere folgen oder staffeln – erfordert, schlicht nicht an

    P.S.: neben den von dir im beitrag bereits erwähnten serien kann ich noch jedem die serie the shield (http://de.wikipedia.org/wiki/The_Shield_%E2%80%93_Gesetz_der_Gewalt) ans herz legen…großartige serie

  2. Ich weiß nicht, ob die fehlende Begeisterung in Deutschland am Fernsehpublikum hierzulande oder eben am Fernsehpublikum im Allgemeinen liegt.

    Ich könnte mir nicht vorstellen, “The Wire” im Fernsehen zu gucken. Als Zuschauer darf man keine einzelne Folge verpassen, man darf meistens nicht mal zwischendrin auf die Toilette gehen.
    Ich habe inzwischen (seit es gute DVD-Boxen mit Serien) eine Abneigung dagegen entwickelt, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Wochenzeit vor dem Fernseher sitzen zu müssen.

    “The Wire” hatte auch in den USA lange nicht die besten Quoten. Erst durch das sehr positive Urteil der Kritiker stiegen die Zuschauerzahlen.
    In gewisser Weise könnte man sagen, dass “The Wire” im Fernsehen nur gezeigt wurde, um den Verkauf der DVDs zu befördern – denn meiner Meinung nach hat man anders fast keine Chance, als die Serie wirklich zu genießen. (Wenn ich nur eine Episode pro Woche sehe, hätte ich ernsthafte Schwierigkeiten, mich an Details der letzten Folge zu erinnern. Dank den DVDs kann ich aber Pausen einlegen und jeden Tag genau so viel sehen, wie ich will und wie meine Konzentrationsfähigkeit schafft.)

    Übrigens: Die Uni-Bibliothek in Konstanz hat alle Staffeln von “The Wire” angeschafft (siehe hier). In meinen Augen ein interessanter Schritt (fairerweise muss man aber auch dazusagen, dass dort auch relativ viele komplett unwissenschaftliche Spielfilme auf DVD herumstehen).

    Ich weiß nicht, ob du diesen Artikel bei deinen Recherchen in Blogs gefunden hast, aber bei Anke Gröner gibt es noch ein interessante Zeilen.

    Zum Thema Verarbeitung der DVD-Box: Ich hab mir die Staffeln 1-4 jeweils als einzelne Box gekauft (bislang nur Staffel 1 gesehen) und kann nur Positives berichten.
    Bisher hatte ich keine Bildfehler, auf jeder DVD sind zwei oder drei Episoden (außerdem bekomme ich bei dem Import über Singapur alle fünf Staffeln für insgesamt etwa 50€ statt für knapp 100€ wie etwa bei Amazon); blöd ist nur, dass es die englische Tonspur nur als 5.1-Sound gibt, bei dem aber mein Fernseher/DVD-Player streikt, weswegen ich die Serie auf dem Laptop gucken muss.
    Die DVDs sind auch fest fixiert (bei Amazon sieht man ein Bild), die einzelnen DVDs stecken fest (aber nicht zu fest) in ihrer Verankerung und man kann einzeln die DVDs “umblättern”.

  3. Verdenken kann ich es den deutschen Sendern eigentlich auch nicht. Denn du hast recht Philipp, keine der großartigen Serien aus den USA hat sich in Deutschland auf einem vernünftigen Sendeplatz halten können (evtl. House? Weiß aber nicht ob das gut ist, nie gesehen). Das läuft hierzulande (also, ähm, dortzulande, in D halt) einfach nicht.

    Und ich glaube das ist tatsächlich ein Problem der hiesigen Fernsehkultur und nicht unbedingt ein Problem der Serien an sich. Eine ganze Menge dieser Serien funktionieren als wöchentliche Ausstrahlung in den USA und in England großartig, stürzen allerdings in Deutschland regelmäßig ab. Max, evtl. hast du recht mit “The Wire”, da die Serie tatsächlich extrem komplex ist, die US-Einschaltquoten sprechen da ja eine deutliche Sprache. Und ob sie in wöchentlicher Ausstrahlung noch Spaß machen würde, weiß ich wirklich nicht, ich vermute – wie du – nicht.

    Das Problem mit der Akzeptanz von gut gemachter Serienunterhaltung in Deutschland liegt allerdings tiefer. Kein “The Wire”, hmm ok, vielleicht noch verständlich. Aber keine der anderen Serien? Seriously? Wie dumm ist Deutschland, um es zugespitzt auszudrücken. Andererseits würden mich auch die DVD-Verkaufszahlen in D interessieren. Ich bin mir fast sicher, dass die eine andere Sprache sprechen. Die Nischenkonsumenten sind (wie man an uns hier sieht) ja durchaus da, nur bekommen sie ihre Unterhaltung halt einfach nicht mehr im Fernsehen (ich hab bspw. seit knapp 4 Jahren keinen Fernseher mehr, es kommt einfach nix was mich interessiert und die tagesschau bekomm ich online…).

    Und ja, die Unibibliothek hier in Denver hat auch The Wire in seiner Gesamtheit, was auch der Grund war, wieso ich mich recht leicht habe “anfixen” lassen können. Sollte Pflichtanschaffung für jede Unibibliothek werden… :)

    Ich habe gehört, dass die einzelnen Staffelboxen in ihrer Verarbeitung tatsächlich besser sein sollen als die Gesamtbox, da wie gesagt, die Gesamtbox nicht nur ein Zusammenstellen der Einzelboxen ist, sondern ein komplett neues – grauenhaft schlechtes – Design bekommen hat. Wenn ich mir’s nochmal kaufen müsste, würde ich ernsthaft über die Einzelboxen nachdenken.

  4. Sehr guter Artikel! Vielen Dank fürs Schreiben. Ich kannte die Serie vorher gar nicht. Ich werde mal die DVDs auf meine Netflixliste setzen. Die Serie kling wirklich super und hoch interessant.

  5. Danke für das Lob! Anschauen lohnt sich auf alle Fälle! Aber wie gesagt, man braucht ein bisschen, um in die Serie reinzufinden – aber Netflix ist da ja ganz praktisch, da man die DVDs so lange wie man will behalten kann.

  6. Pingback: Reaktivierung des Blogs / New York | The Mile High Blog

  7. Super Artikel, vielen Dank dafür! Ich spiele gerade mit dem Gedanken meine Bachelorarbeit über The Wire zu schreiben und finde einige nützliche Anhaltspunkte in deinem Beitrag :)

    • Hallo Julius, freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat. Ne Bachelorarbeit zu dem Thema ist sicher möglich und interessant – nur solltest du wahrscheinlich einen Prof wählen, der die Serie zumindest ansatzweise kennt, nicht dass du sonst nur in fragende Gesichter schaust, wenn du mit dem Thema ankommst. Wenn du magst, kannst du ja hier Bescheid gescheben, falls du dich entscheidest, darüber zu schreiben – ich fände es auf jeden Fall sehr spannend!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s